...Und ist nicht gefährdet, den ABS-Regelkreis in den Fahrstil einzubeziehen. Das halte ich für höchst gefährlich. Machts ABS nämlich auf, wird der Bremsweg länger als sonst. Und bei ner matschigen Wiese nützt dir das sowieso nix. Da schaltet man das besser aus.
Dass beim Enduro das ABS mindestens genauso oft hinderlich wie förderlich ist, ist jedem klar, der die Kuh schon mal dort bewegt hat. Nur leider tun das weniger als 10% der GS-Fahrer. Unter den Tourern und Sportlern bewegt sich der Kreis im Promillbereich.
Was man nicht oft genug erwähnen kann, da sich das Gerücht mit dem längeren Bremsweg bei ABS so hartnäckig hält:
Es gibt auf befestigten Straßen nur EINE Fahrsituation, wo das ABS einen längeren Bremsweg zur Folge hat. DAS IST SCHNEE!!! Und sonst gar nichts!
Niemand unter uns Ottonormalfahreren hat einen solchen gefühlvollen Fuß bzw. eine gefühlvolle Hand, dass er abrupt bis kurz vor die Haftgrenze verzögern und diese Situation bis zum Anhalten aufrecht erhalten kann. Über gleichzeitiges Ausweichen braucht man da gar nicht mehr nachdenken. Die Zeit hat man nicht weil man mit bremsen ausreichend beschäftigt ist.
Durch die Regelintervalle verschenkt man ein paar Meter, das stimmt wohl.
Das gleicht aber wieder der Umstand aus, dass man bei der herkömmlichen Bremse nachregulieren oder gar kurze Zeit den Bremsdruck ganz zurücknehmen muss. Das bedingt einer gewissen Aufmerksamkeit und man verliert Zeit andersweitig zu agieren und zu reagieren.
Auf gerader, freier und trockener Strecke (also unter optimalsten Bedingungen) bremse ich vielleicht konventionell 2m kürzer bis zum Stillstand als mit regelndem ABS. Nur passieren dort nicht die Unfälle. Denn wenn alles übersichtlich ist habe ich lange genug Zeit zu reagieren.
Wenn es aber zum Ausrutscher oder gar zur Kollision kommt war meist die Verkehrslage unklar, sprich ich wurde überrascht weil ich nicht mit der Gefahr gerechnet habe oder das Hindernis nicht habe kommen sehen.
Da sagt der Instinkt nur "schnell Stop!" und die Bremslichter gehen an und nicht mehr aus. So sieht die Praxis aus. In der Theorie kann man darüber sinnieren, pro oder contra. Fakt ist aber, dass es unmöglich ist alles vorherzusehen. Wechselnder Grip des Belags, Quer- und Längsrillen darin, Schlaglöcher in der Kurve, der Nebenmann auf der Autobahn der einem plötzlich ohne zu Blinken bei regennasser Bahn vor den Kühler fährt, die Oma, die einem zwecks Schlaganfall vor die Füße kippt, der Rammler, der aus dem Graben hüpft (weil ihm nicht nur die Löffel stramm stehen), und und und....
Ich zähle mich selbst zu der Minderheit, die (wo möglich) Grenzbereiche auslotet, entsprechend gewinne ich an Fahrerfahrung. Somit weiß ich was ich kann und zugleich mein Material im Stande ist zu leisten. Mein Bike beschleunigt schneller als 95% der Dosen die auf unseren Straßen unterwegs sind. Und man glaubt es kaum - das Teil kommt mit mir im Sattel auch noch schneller zum Stehen als herkömmliche Blechbüchsen. Damit ist man in der Theorie schon fast über jeden Zweifel erhaben und es sollte nicht viel passieren. Nur leider gebe halt nicht ich oder mein Material den Takt vor, sondern allzu oft äußere Umstände.
Und auf diese (oft unvorhersehbaren) Unbekannten kann man sich nur einstellen wenn man über genügend Reserven verfügt. Gibt man seine überwiegende Konzentration für´s Regeln der Bremse aus, fehlt einem die Aufmerksamkeit für andere Dinge.
Das ABS hat schon seine Daseinsberechtigung!
Sich blindlings auf die Technik zu verlassen wäre ein Fehler (keiner ist perfekt), ein noch größerer aber das vorhandene Potenzial nicht voll auszuschöpfen wenn man es dringend braucht!
Gruß Peter