Meine Meinung hierzu
Meine "Anfängerprobleme" auf der 1150er GS und ihre Lösung habe ich hier zu beschreiben versucht:
http://www.gs-forum.eu/showthread.php?p=369862#post369862
Seit ich 2005 mit der Motorradfahrerei angefangen, und mich seither recht intensiv damit beschäftigt habe, sind mir so einige Sachen bewußt geworden. Und darunter steht an ziemlich vorderer Stelle: ein ganz erheblicher Teil der Motorradfahrer sitzt falsch.
BMWs wollen in der klassischen, lehrbuchmässigen, "vollintegrierten" Sitzposition gefahren werden: Ballen auf die Rasten oder "Vor-Absatz-Position", den "Schritt" dicht ans Tankende geschmiegt, nicht nur die Knie schmiegen sich an den Tank, sondern auch die gesamten Innenseiten der Schenkel an die Flanken des Motorrades. Der Oberkörper ist gerade, ja sogar mit leichtem Hohlkreuz nach vorne gedrückt, und aus dem Becken ebenso leicht nach vorne geneigt, bis die Hebelei an den Lenkerenden ganz von selbst in die Finger fällt, die Hände flach, von den Fingerspitzen bis zum Ellenbogen in einer fast horizontalen Linie liegen.
Das habe ich mir mit meiner K 1100 RS in langen tausenden von Kilometern "erarbeitet", bei der GS gings dann verhältnismässig flott. Und nicht anders war es auf allen anderen BMWs, die ich bislang unterm Arsch hatte - mit Ausnahme der 12er RT vielleicht. Die Unterschiede von Modell zu Modell sind eigentlich nur graduell. Mal ist der Kniewinkel spitzer oder entspannter, mal muß man den Oberkörper mehr, mal weniger aus dem Becken nach vorne neigen.
Natürlich geht das nur, wenn die Körpergröße (in jeder Hinsicht) und die Proportionen halbwegs dem "Konfektionsmaß" entsprechen, das bei der Konstruktion zugrundegelegt wurde. Die reine Größe ist nur eine Sache, das Verhältnis von Arm- und Beinlängen, die Länge des Oberkörpers usw. spielen natürlich auch eine große Rolle.
Aufgrund der Beobachtung meiner selbst, meiner Tourenpartner, in Gesprächen am Lagerfeuer und am Bierstand, und natürlich auch "online" ist bei mir die Überzeugung entstanden, daß die meisten dieser Basteleien an Lenker, Sitz, Fußrasten usw. überflüssig sind - wenn man "vorschriftsmässig" sitzt. Umgekehrt glaube ich, daß auch die meisten dieser Basteleien nicht nur überflüssig sind, sondern unnütz, ja sogar schädlich sein können: weil sie eine falsche Sitzposition "zementieren", mit der Folge, daß es irgendwann orthopädische Problemchen und Probleme geben wird.
Und diese falsche Sitzposition ist bekannt - in der Motorradpresse wird sie periodisch angesprochen: es ist die traditionelle "Nasser-Sack-Haltung" des deutschen Tourenfahrers: Die Fussohlen stehen "schön bequem" mehr oder weniger horizontal und mittig auf den Rasten, der Arsch schlackert zwischen der Mitte der Sitzbank und ihrem hinteren Ende hin und her, der Oberkörper ist nach vorne eingekrümmt - der Fahrer duckt sich vor dem Fahrtwind weg, schielt schräg nach oben durch das Visier seines Helms. Die Arme stützen sich steil von oben auf den Lenkerenden ab, die Handgelenke sind nach oben abgeknickt, weil man sonst nicht an die Hebel kommt. Daß die weit vom Tank abgespreitzen Knie im Wind herumflattern, versteht sich von selbst.
Der Helm wird von Turbulenzen hin und her geworfen, weil er viel zu weit weg ist vom Windschild, der Windstrom vor dem Oberkörper abreisst, und verwirbelt. Der Oberkörper schlackert hin und her, wenn man sich nicht "krampfig" am Lenker festhält beim bremsen und beschleunigen, Schläge von unten treffen die Wirbelsäule in der ungünstigsten Position, die "bequem" ohne Spannung positionierten Beine können kaum etwas abfangen, die Hände fangen an, einzuschlafen, die Bedienung der Armaturen fällt schwer, und Körpereinsatz v.a. bei der Kurvenfahrt ist so gut wie ausgeschlossen.
Und damit man es trotzdem aushält, werden andere Windschilder montiert, Aufsätze, Lenker umgebaut, Sitzbänke auf- und abgepolstert, an den Fußrasten herumoperiert ... die Firmen Wunderlich, Touratech und WüDo 2.0, nebst zahllosen kleineren Anbietern machen wahrscheinlich zweistellige Millionenumsätze aufgrund dieses Umstandes.
Meine Empfehlung, es mal mit der Überprüfung der eigenen Sitzposition zu versuchen, ist daher volkswirtschaftlich höchst schädlich, gefährdet die Konjunktur, die Arbeitsplätze, die Sicherheit der Renten.
Diese Empfehlung wird auch regelmässig als Unverschämtheit empfunden, weil diejenigen, denen sie zuteil wird, schon mit dem 2-V-Boxer durch die Sahara als ich noch in die Windeln usw. Motorradfahrer sind eben vollkommen, wie Götter. Das einzige, was fehlerhaft ist, sind die Motorräder, und erst recht die von BMW, weil BMW auch nach 100 Jahren noch nicht gelernt hat, Motorräder zu bauen kann, auf denen man "richtig" sitzen kann.
Meiner Überzeugung nach ist das Gegenteil der Fall: gerade BMW baut Motorräder, die ergonomisch geradezu perfekt sind - wenn man richtig sitzt, wie man auf einem Motorrad richtig sitzen soll. Ein Motorrad, eine GS zumal, ist eben kein S-Klasse-Benz, in den man sich nach Belieben hineinfläzen kann, wie auf ein Eisbärenfell vorm Kamin.
Mit dem, was ich hier schreibe, kann und will ich niemanden konkret und persönlich ansprechen, den threadstarter erst recht nicht. Er hat nämlich so gut wie nichts darüber geschrieben, wie seine Proportionen sind, und wie er auf der GS zu sitzen pflegt. Und selbst wenn: ein konkretes Urteil würde ich mir allenfalls dann erlauben, wenn ich eine Weile hinter jemand hergefahren bin - in einer Weise, die es mir erlaubt, einen Teil meiner Aufmerksamkeit der Sitzposition meines Vordermannes zu widmen.
Ich bin 183 cm lang, habe recht lange Arme und Beine - und einen leider immer noch zu dicken Bauch. 189 cm sind zwar "objektiv" nur 6 cm, weniger als 1 Handbreit, aber 6 cm können ganz schön was ausmachen. Wenn man aus der Bandbreite, die der Konstruktion zugrunde gelegt wurde, in irgendeiner Weise herausfällt, herausragt - dann hilft natürlich wirklich nur ein Umbau. Ich weiss auch, daß gerade die GS mit ihrer hohen Bauweise häufig von "langen Kerls" gefahren wird, die ihre "Übermaße" auf anderen Mopeds kaum unterkriegen können.
Selten, aber durchaus vorhanden waren die Gelegenheiten, mit Kollegen zusammen auf die Piste zu gehen, die mit ihrem Motorrad richtig gut umgehen können - zumindest meiner Meinung nach. Ich kann mich an keinen einzigen Fall erinnern, bei dem ein solcher meiner Meinung nach guter Fahrer wesentlich anders gesessen hätte, als ich es versucht habe, zu beschreiben. Weil: nur aus der beschriebenen Position heraus ist ein effektiver und feinfühliger Körpereinsatz beim lenken möglich, und ohne Körpereinsatz bleibt jedes Motorrad meilenweit hinter seinem Potential zurück.
Gruß
Kroni
PS: Auf die Idee gebracht mit dieser Sitzposition hat mich natürlich "der Professor" Bernt Spiegel.